Journalist Jürgen Kalwa im Interview

Folgen / Teilen:
Facebook
Twitter
RSS
Follow per Email
Google+
YouTube
Instagram

 

Jürgen Kalwa deckt in seinem Journalistenleben sehr viele Facetten ab – nicht nur den Sport. Ich lese ihn seit den 90er Jahren, als er für das Magazin „Sports“ schrieb, das irgendwann leider – für mich völlig unverständlich – eingestellt wurde.

Zudem ist er der Autor des Buchs „Faszination American Football“, das mich damals mit zum Football gebracht hat. Genug Gründe für ein Interview also.

Erst einmal herzlichen Dank für die Bereitschaft zum Interview hier!

 

Warum bist Du damals in die Vereinigten Staaten gezogen und fiel der Schritt schwer?

Für mich war nicht nur das Land, sondern vor allem New York die große Attraktion. Und das ist es auch heute noch. Über 20 Jahre später. Ich habe vorher in Berlin und in München gelebt und war auf der Suche nach der nächsten großen Herausforderung. Jahre später und viele Reisen in alle Teile der USA danach kann ich nur sagen: etwas Besseres konnte mir gar nicht passieren.

Wie war Dein Werdegang vorher?

Erst Lokaljournalismus, dann Stadt Magazin mit Kultur-Themen, vor allem Popmusik. Aber fast keinerlei Berührung mit Sport, obwohl ich mich immer dafür interessiert habe. Und natürlich auch selbst Sport getrieben habe.

Ich bin dann irgendwann auf ein Magazin gestoßen, das sich auf eine sehr attraktive Weise mit Sport beschäftigt hat. Es hieß Sports, kam jeden Monat raus und war damals sehr an allem interessiert, was in den USA los war. Das begann mit der NBA, ging über die NFL, hatte die Leichtathletik im Blick. Auch Boxen.

Klassische Sportjournalisten kommen meistens gar nicht in die Verlegenheit, sich mit solchen unterschiedlichen Gebieten zu beschäftigen, weil sie sich schon früh spezialisieren.

Ich habe dann das viele neue Wissen auf zweierlei Weise für mich ausgewertet. Ich habe angefangen, Bücher zu schreiben und auch für Tageszeitungen zu arbeiten. Also die FAZ, den Schweizer Tagesanzeiger.

Damit war Sport dann auch zum Themenmittelpunkt geworden. Ergo: Was man hier in Amerika früh feststellen konnte, dass Blogs zu einem ziemlich vielversprechenden neuen Betätigungsfeld werden würden. Ich habe mich auch damit befasst – unter dem Banner Americanarena – und bin auf diese Weise mit ganz neuen interessanten Leuten zusammengekommen. Die Kontakte zu Radio und auch zum Fernsehen waren ein Nebeneffekt.

Heute mache ich viel für den  Deutschlandfunk. Auchwieder über den Sport hinaus. Da schließt sich auf eine gewisse Weise ein Kreis hin zur Kultur.

Fürs Fernsehen war ich viel im Komplex Doping aktiv – dank Hajo Seppelt. Der dürfte inzwischen fast jedem ein Begriff sein.

Du hast ja eine beeindruckende Bandbreite an Tätigkeiten, wenn man Deine Homepage ( Americanarena ) so studiert. Wie viele Jobs hast Du denn momentan genau?

Ich bin nicht sicher, dass sich wirklich alles, was ich so mache, auf der Webseite darstellen lässt. Zu den bereits erwähnten Dingen kommt die Videoarbeit. Kommt die Musik, die ich komponiere und produziere. Und neuerdings auch ein paar Jobs als Sprecher oder besser Vorleser von Hörbüchern.

Ich weiß, das wird auf viele eher seltsam wirken, weil der Typ des vielseitigen Kreativen nicht besonders verbreitet ist. Die meisten Menschen konzentrieren sich auf weniges, und solche, die das richtig gut beherrschen, werden am Ende Experten.

Weshalb ich mich nicht als Experte bezeichnen würde oder wenn überhaupt dann nur als Experte für Allgemeines. Also sowas wie dein Hausarzt.

Welcher fällt Dir am leichtesten?

Ich sehe da keine Unterschiede. Es kommt eher auf die jeweilige Belastung aufgrund der Auftragslage an. Und darauf, wie schnell man an einem Tag von dem einen Bereich in einen anderen wechseln muss.

Am reizvollsten finde ich zur Zeit das Schneiden von Videos, besonders dann, wenn meine Musik eine Rolle spielt oder auch die der Nervous Germans, einer befreundeten Berliner Band, deren Musikvideos ich mache. Ich kann nur empfehlen, die sich auf YouTube anzuschauen. [ Youtube-Link ]

 

 

Wie viele Interviewanfragen mit NFL-Bezug bekommst Du so über das Jahr?

Da ich mich nicht als Experte fühle und vermutlich auch nicht so wahrgenommen werde, gibt es solche Anfragen wirklich sehr selten. Und das ist auch aus meiner Sicht völlig in Ordnung. So tief, wie viele andere in die Sportarten einsteigen, die sie besonders faszinierend finden, tue ich das ohnehin nicht.

Mich interessiert eher der Überblick und das Problem, solche Sportarten, die noch nicht sehr populär sind, einem Leser oder Hörer so nahe wie möglich zu bringen.

Du hattest mich damals mit zum Football gebracht – Dein Buch „Faszination American Football“ steht im Regal meines Elternhauses und ich blättere noch ab und zu rein. Selbst Amazon führt den Klassiker noch:

Preis: Derzeit nicht verfügbar

 

Amazon hatte den Nachfolgerband bereits angekündigt, aber jetzt kommt es wohl doch nicht dazu. Woran scheiterte der künftige Bestseller?

Ich habe mir zwischendurch überlegt, dass die Aufwand-Nutzen-Relation für dieses Projekt nicht richtig aufgeht. Es ist wie so vieles im Alltag eines freien Journalisten: es gibt da die Liebhaberprojekte, die hoffentlich auch immer eine berufliche Perspektive mit sich bringen. Und dann gibt es die Sachen, die vernünftige Einnahmen erwirtschaften müssen. Und wenn das alles nicht richtig funktioniert, dann sollte man es auch gleich lieber sein lassen.

Man tut niemanden einen Gefallen, wenn man etwas nicht mit voller Begeisterung umsetzt. Am wenigsten sich selbst.

Welche „Social Media Kanäle“ sind für Dich und Deine Arbeit am Wichtigsten – Twitter, Facebook oder Instagram?

Mit Abstand Nummer eins Twitter. Instagram ist mehr Zeitvertreib unter anderem auch, weil ich dort meine eigenen Fotos gerne wie in einem Album hochlade. Facebook finde ich ziemlich unproduktiv, kämme es aber jeden Tag durch, weil sich doch aus den Kanälen von inzwischen über 300 sogenannten Freunden das eine oder andere Anregende finde.

Für mich sind diese neuen Kanäle tatsächlich hauptsächlich Anregungen. Ich scheue mich auch nicht, meine eigene Arbeit zu promoten. Aber eines kann man im Rahmen dieser Art von Öffentlichkeit natürlich nie tun: über Projekte – oder nennen wir sie ungelegte Eier – reden. Man möchte ja schließlich nicht, dass jemand die Ideen für sich selber ausschlachtet, an denen man gerade mit sehr viel Mühe herum bastelt.

Gibt’s ein Lieblingsteam in der NFL? Falls ja – seit wann und warum?

Ich hatte weder im Fußball in Deutschland ein Lieblingsteam noch habe ich mein Lieblingsteam in den USA, egal in welcher Sportart.

Natürlich fühlt man sich immer ein wenig mehr hingezogen zu den Mannschaften aus der Umgebung. Dazu kommt, dass man gerne dranbleibt, wenn man mit Protagonisten ausführliche Interviews geführt hat. Und das hat in meinem Fall aufgrund eines Interviews mit Tom Brady und Gesprächen mit Sebastian Vollmer zu einer gewissen Affinität geführt. Also New England Patriots.

Nicht zu vergessen nun mit Markus Kuhn, mit dem ich mich im ersten Jahr seiner Zeit bei den Giants getroffen habe.

Verfolgst Du NFL-Spiele auch mal im Stadion?

Das habe ich früher durchaus getan. Aber die Anforderungen an die eigentliche Arbeit heute führen einfach dazu, dass man sich wenn schon beim Training mit Spielern trifft oder wie mit Björn Werner bei der Combine in Indianapolis oder aber das Spiel zu Hause am Fernsehen verfolgt. Wäre ich ein Football-Reporter, wäre das sicherlich ganz anders anzupacken.

Spielst Du Fantasy Football und wenn ja seit wann?

Nein. Und das auch, weil ich mit der ganzen spekulativen Ebene, mit der dich Amerikaner so wahnsinnig gerne beschäftigen, so wenig anfangen kann. Mich interessieren die Fakten und die Bewertungen hinterher.

Auch in Las Vegas, wo ich inzwischen oft genug gewesen bin, reizt mich nichts an dem Kitzel, den Millionen von Leuten in Casinos empfinden. Ich habe erst 0,25 € in einen dieser einarmigen Banditen gesteckt. Und das war eine Münze, die ich im Casino gefunden habe.

Klar: wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Aber meine persönlichen Ambitionen konzentrieren sich auf andere Risiken.

Welches der folgenden verhalf der NFL am meisten zu ihrem Erfolg: Sportwetten, Fantasy Football oder die Madden Videospielserie?

Keine von den erwähnten Formaten. Die NFL verdankt ihren Erfolg ausschließlich der Fähigkeit des amerikanischen Fernsehens, die Spiele selbst mit wahnsinnig vielen Kameras und mit Kommentatoren so eindrücklich, aber auch erhellend einzufangen. Das zeigt sich auch in der Rückkopplung. Die Fernsehesender sind die größte Einnahmequelle der Liga.

Wo siehst Du mittelfristig – also so in 5-10 Jahren den Stellenwert der NFL in Deutschland?

Ich sehe da eine Parallele zu der Entwicklung von Fußball in den USA. Das wächst auf vielen Ebenen, auf der professionellen Ebene und dringt in die Interessenssphäre vor, die in den USA traditionell von Football und Basketball abgedeckt wird. Das geht langsam, aber stetig.

Wenn die NFL weiter so konsequent Europa bedient, wie sie das zuletzt gemacht hat, dann sehe ich im Bereich Zuschauer in den nächsten Jahren mindestens eine Verdopplung wenn nicht sogar eine Verdreifachung. Und damit meine ich zunächst erst einmal nur die Ereigniskonstellation Super Bowl. Von dort aus gibt es sicherlich inzwischen genug Ansätze, die das Interesse am deutschen Football weiter voranbringen können.

Nicht zuletzt durch die deutschen NFL Profis. Und man sieht am Fall von Moritz Böhringer, wie die NFL das pusht.

Hilft die NFL dem deutschen Football (i.e. der GFL) ?

Wie immer im Leben: Ja und nein. Die NFL hat eine inspirierende Wirkung, aber keine in sich nachhaltige. Und wenn den deutschen Clubs das Geld fehlt und die Trainingsmöglichkeiten und die Chance, sich im Fernsehen zu präsentieren, dann kommt sie natürlich nicht vom Fleck. Ganz egal wie viele ambitionierte Freiwillige sich um die Clubs scharen.

Wie ist Dein Super Bowl Tip – auch wenn es früh ist?

Das schöne an der Liga ist ja, dass sie durch das konsequente Anwenden der Salary Cap eine Vorhersage ziemlich schwer macht. Mindestens zehn Mannschaften muss man als Mitfavoriten einstufen. Und da spielt es auch eine Rolle, wer als Trainer amtiert.

Nicht zu reden von dem Verletzungsrisiko, das jeden Club mit Chancen auf einen Schlag aus dem Rennen werfen kann. Mein Frage wäre: wird das Spiel auch weiterhin von ziemlich alten überragenden Quarterbacks dominiert? Wenn ja, dann habe ich die Patriots auf dem Zettel?

Wen schickt die NFC ins Rennen? Wen, wenn nicht Seattle?

Würde ein Spiel in Deutschland was bringen?

Der NFL im ganzen vermutlich wenig, dem Football in Deutschland sicher sehr viel.

Angenommen Du hättest einen freien Abend in den USA und wärst in Boston. Du könntest zwischen einem Spiel der Celtics, der Red Sox, der Patriots oder der New England Revolution wählen. Wie entscheidest Du Dich?

Da gibt es keine Schwierigkeiten, mich zu entscheiden: Fenway Park, Red Sox. Nostalgie plus Sport.

 

Wie groß ist noch der Idealismus bezüglich des Sports oder verhagelt einem der tiefere Einblick als (Sport-)Journalist etwas die Begeisterung?

Ich glaube, man erlebt an sich selbst eine reizvolle Entwicklung hin zu einer sehr differenzierten Betrachtung. Das Interesse am Sport selbst geht so lange nicht verloren, wie nicht alle Spiele verschoben sind oder alle Spieler gedopt. Aber wenn man weiß, wie viele Leute gedopt sind und wie viele Spiele verschoben werden, dann macht man sich natürlich keine Illusionen.

Was ist Deine schönste Sporterinnerung?

Vermutlich der Weltrekord der deutschen Diskuswerferin Liesel Westermann in einem Kaff im Sauerland [google half: Werdohl, südlich von Iserlohn, knapp 18.000 Einwohner, Rekord am 24.07.1968].

Ich war damals selbst Leichtathlet und saß auf der Tribüne und war von der simplen Tatsache fasziniert, dass man eine derartige Bestleistung mit eigenen Augen sehen konnte. Ohne Zeitlupen-Wiederholung. Ohne Fernsehaufzeichnung.

https://twitter.com/FineOffers/status/726490675823390721

[Anmerkung: obwohl ich absolut sportbegeistert bin, hab ich den Namen Liesel Westermann vorher noch nie gehört; noch überraschter war ich, dass es bei Twitter tatsächlich 4 Tweets mit Bildern zu ihr gab!]

So war das übrigens auch beim allerletzten offiziellen Spiel von  Steffi Graf, das vermutlich außer mir höchstens 500 normale Zuschauer und zehn Journalisten gesehen haben. Graf hat uns damals alle an der Nase herumgeführt und später in einem Interview zugegeben, dass sie schon auf dem Flug zum Turnier in Kalifornien den Plan hatte, einfach sang- und klanglos abzutreten. Dass eine derartige Sportlerpersönlichkeit sich so seltsam davon schleicht, das ist natürlich auch etwas ganz besonderes. Aber die Sache hatte eine Pointe. Sie hat im letzten Game unglaubliches Tennis gespielt, Volley, ging ans Netz und so weiter. Die ganze Palette, die sie sonst nie gezeigt hatte.

Abschließend: was wünscht Du Dir für die anstehende Footballsaison?

Viele, viele Dopingkontrollen, eine noch intensivere Beschäftigung mit dem Thema Gehirnerschütterung und einen Stimmungswandel im Land, der dafür sorgt, dass junge Spieler nicht Tackle Football spielen. Eigentlich sollten erst Jungs, die volljährig sind und damit voll geschäftsfähig, darüber entscheiden dürfen, was sie mit ihrer Gesundheit anstellen. Minderjährige und deren Eltern, die an Ihrer Stelle derart kritische Entscheidungen über die enormen Risiken treffen,  sollten diesem Konflikt  nicht ausgeliefert sein.

Herzlichen Dank für das Interview !

Soziale Medien:

Besuche die Homepage von Jürgen Kalwa Americanarena und oder folge ihm hier auf Twitter:

 

Ein Gedanke zu „Journalist Jürgen Kalwa im Interview

  • 28. September 2016 um 3:01
    Permalink

    You’ll be able to unquestionably call at your interest while in the work you’re. The particular segment hopes for even more enthusiastic internet writers such as you that are not reluctant to state how they think. At all times comply with your heart next page.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

close

Falls es gefällt - gerne weiterverteilen ;)

Facebook
Twitter
RSS
Follow per Email
Google+
YouTube
Instagram